Name des Projekts: Gesichter und Geschichten
Träger: bsj Marburg
Ort: Landkreis Marburg-Biedenkopf
Zeitraum: November bis Dezember 2015

Gesichter und Geschichten – Jugendliche berichten von ihrer Flucht

Was bewegt euch jenseits von Unterbringung, Versorgung und Sicherheit? Diese Frage stellten Mitarbeiter*innen des bsj Marburg im Jahr 2015 an Jugendliche mit Fluchterfahrung in der Übergangs-Wohngruppe in Wolfshausen/Weidenhausen im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Aus den Antworten von Tarek, Ali und Muhi Eddin, drei jungen Männern aus Syrien, entstand mit Hilfe von misch mit! 2015/2016 die Wanderausstellung „Gesichter und Geschichten Teil 1“. Diese war in Schulen und Behörden des gesamten Landkreises, in der Marburger Stadthalle, der Elisabethkirche und im hessischen Landtag zu sehen.

Zusammen mit Pädagog*innen des bsj Marburg erarbeiteten die drei jungen Syrer nachträglich Fluchttagebücher mit Handyfotos von ihren Familien, von ihren Heimatstädten – Damaskus, Idlib, Al-Hasaka – und von einzelnen Stationen ihrer Flucht bis in den Landkreis Marburg-Biedenkopf. Das Konzept zur Illustration ihrer Geschichten entwickelten die Jugendlichen an einem Wochenendworkshop zusammen mit einem Grafiker. Dort zählten sie die Tage ihrer Flucht durch und illustrierten einzelne Stationen mit Fotos, eigenhändigen Zeichnungen, handschriftlichen Notizen auf Arabisch und Deutsch – mal heiter-entspannt, mal traurig. Am Ende der Hefte stehen Reflexionen über ihre aktuelle Situation in Deutschland und ein Ausblick auf ihre Zukunftspläne.

„Mit ihren Fluchttagebüchern verstehen sich die drei auch als Botschafter“, erklärt Simona Lison vom bsj Marburg. Denn Tarek, Ali und Muhi Eddin erzählen ihre individuellen Fluchtgeschichten mit all ihren Ängsten und Hoffnungen exemplarisch für eine ganze Generation: Alle drei hatten unter lebensgefährlichen Umständen in Booten nach Griechenland übergesetzt, zwei hatten sich zum Teil jahrelang in Flüchtlingslagern in Jordanien oder in der Türkei aufgehalten;  es gab natürlich auch Unterschiede: zwei konnten ein Stück des Wegs im Flugzeug zurücklegen, einer lief sich auf dem Weg nach Ungarn buchstäblich die Füße blutig. Alle drei aber wünschten sich damals für ihre ungewisse Zukunft eine Ausbildung, eine eigene Familie und Freunde, vielleicht sogar ein eigenes Haus.

„Die Idee zu dem Projekt entstand direkt aus der Notlage der großen Zahl an unbegleiteten, minderjährigen Jugendlichen mit Fluchterfahrung, die im Jahr 2015 auch im Landkreis Marburg-Biedenkopf ankamen“, sagt Simona Lison. Die Freizeit- und Bildungsstätte des bsj Marburg in Wolfshausen wurde damals in kürzester Zeit zum Übergangswohnheim für jugendliche Geflüchtete ohne Begleitpersonen umfunktioniert. „Wir sind mit dem Bus nach Stadtallendorf zur Erstaufnahmeeinrichtung gefahren, haben die Jugendlichen dort aus dem Zeltlager abgeholt und nach Wolfshausen gebracht“, erinnert sich die Pädagogin. Sehr schnell entstanden Versorgungsstrukturen auch für medizinische und juristische Belange, etwa zur Familienzusammenführung. „Das war eine Mammutaufgabe“, so Lison, „wir brauchten eine große Zahl an Fachkräften, die in den Wohngruppen tätig waren.“

Dort bemerkten die Betreuer*innen, dass das Leben der Jugendlichen in dem Wohnheim in hohem Maß fremdbestimmt war. Im engen Zusammenleben mit fremden Menschen blieb wenig Freiraum.  Es fehlten aber auch spezifische Jugend-Angebote für Freizeit, Bewegung und Sport. „Wir wollten den jungen Menschen Raum geben zur Selbstbestimmung und ein Projekt entstehen lassen, indem sich Menschen begegnen können und einander verstehen lernen.“, sagt Simona Lison. „Aus unserer Frage, was sie neben der alltäglichen Versorgung bewegt, ist diese Ausstellung entstanden.“ (ybo)