Name des Projekts: Rostams Reise
Träger: SJD – Die Falken Marburg
Ort: Marburg
Zeitraum: Juni bis Dezember 2017

Rostams Reise – Ein autobiographischer Roman eines Jugendlichen über seine Flucht

Um auf Deutsch besser schreiben zu lernen, schrieb Rostam Nazari im Jahr 2017 mit 17 Jahren ein Buch über das Leben in seiner Heimat Afghanistan und seine Flucht als unbegleiteter, minderjähriger Geflüchteter nach Deutschland. Das Buch-Projekt war ein ausgesprochen ehrgeiziger Plan, denn Rostam war zu jenem Zeitpunkt Analphabet. Aber seine Deutschlehrerin hatte ihm dazu geraten, viel zu schreiben. Denn Rostam malte seine ersten lateinischen Buchstaben wie Bildchen von der Tafel ab.

„Wenn ich damals einen Text auf Deutsch geschrieben habe, waren 90 Prozent der Wörter falsch“, berichtet er, „durch das Schreiben meines Buches wurde ich besser und habe auch die Struktur der Sprache verstanden.“ Denn auch mit grammatikalischen Begriffen konnte er damals rein gar nichts anfangen. „Erklärungen, was Nomen oder Verben sind, waren für mich völlig unverständlich, auch auf Afghanisch.“  In seiner Muttersprache Dari kann er bis heute weder lesen noch schreiben.

Weil Rostam nicht nur wissbegierig und optimistisch ist, sondern auch selbstbewusst, hat er dann kurzerhand einen Verlag für seine autobiographische Erzählung gesucht. Unterstützung fand er dabei bei dem Kinder- und Jugendverband Sozialistische Jugend Deutschlands - Die Falken, die seit 2016 unbegleitete minderjährige Jugendliche nach deren Ankunft in Deutschland begleiteten und auch in Rostams Wohngruppe aktiv waren. Sie halfen Rostam, indem sie einen Antrag bei misch mit! stellten, damit sein Text lektoriert, für den Druck gestaltet und auf Lesungen vorgestellt werden konnte.

„In den Wohngruppen haben wir uns mit den Jugendlichen über unterschiedliche Lebensgeschichten ausgetauscht“, sagt Leoni Gillessen von den Falken Marburg, „wir fanden es wichtig, dass Rostams Geschichte nach außen getragen wird.“ Deshalb brachten die Falken den Text im Eigenverlag heraus.
Rostam, der die ersten sieben Jahre seines Lebens in Afghanistan in einem Dorf ohne Strom und fließendes Wasser verbracht hatte, legte bis zu seiner Ankunft in Marburg eine wahre Odyssee zurück. Vor den Taliban floh er im dreizehnköpfigen Familienverband zunächst in den Iran. Als er 15 Jahre alt war, brach die Gruppe dann nach Europa auf. Doch Rostams Eltern blieben in der Türkei zurück, während er zu Fuß und mit Hilfe von Schlepper*innen weiterreiste, unter lebensgefährlichen Umständen auf einem Boot nach Griechenland übersetzte und nach weiteren Stationen in Mazedonien und Ungarn schließlich im Landkreis Marburg-Biedenkopf landete. Hier hat er die Ausbildung zum Elektriker abgeschlossen.

„Für uns ging es auch darum mit Vorurteilen gegenüber Menschen mit Fluchterfahrung aufzuräumen“, sagt Leoni Gillessen, „hinter jedem steht eine andere Lebensgeschichte, deren Hintergründe man ohne Kenntnis der Lebensumstände nicht beurteilen kann.“ Hier in Deutschland könne man sich nur schwer vorstellen, wie die Menschen im Iran oder in Afghanistan lebten. Das gilt auch umgekehrt. Nach der Veröffentlichung seines Buches hat Rostam seinen Eltern erstmal nichts davon erzählt. „Sonst denken sie, dass ich als Buchautor jetzt Millionär bin“, sagt er, „es ist superschwer, Menschen von außen zu vermitteln, wie das in Deutschland läuft, mit Geld und allem.“

Rostams Geschichte hat eine Vielzahl an Leser*innen und Zuhörer*innen gefunden: 2018 hat der Verlag DeBehr sein Buch unter dem Titel „Rostams Reise – Von Afghanistan nach Deutschland - Autobiografischer Roman“ veröffentlicht. Und Rostam hat viele Male bei Lesungen Teile seiner Geschichte daraus vorgetragen. „Das hat mich mit Dankbarkeit, Freude und Stolz erfüllt“, sagt der 20-Jährige, „zuerst war ich ein Geflüchteter, den niemand wertgeschätzt hat, und dann wollten die Leute auf einmal von mir lernen.“ Im Moment schreibt Rostam ein interkulturelles Kochbuch und berufliche Pläne hat er auch: „Jetzt werde ich von meinem Ausbildungsbetrieb übernommen, aber ich suche auch neue Herausforderungen.“  (ybo)