Name des Projekts: Vom Zuhören und Dazugehören
Träger: Theater GegenStand e.V.
Ort: Cölbe
Zeitraum: Juli bis Dezember 2016

Vom Zuhören und Dazugehören: Ein Präventionsprogramm gegen Diskriminierung und Rassismus an Grundschulen

„Vom Zuhören und Dazugehören“ - so heißt das theaterpädagogische Projekt des „Theater Gegenstand“ aus Marburg, das im Jahr 2016 von misch mit! gefördert wurde. Zielgruppe des Präventionsprogramms sind Grundschüler*innen, die spielerisch erfahren sollen, wie man sich wehren kann, wenn man durch diskriminierende oder rassistische Handlungen in die Ecke gedrängt wird und was man tun kann, wenn man solche Situationen beobachtet. „Wir arbeiten mit Kindern, weil das Einüben diskriminierender Überzeugungen schon in jungen Jahren stattfindet und Kinder bereits unter Diskriminierung leiden“ sagt Stefan Blix vom Theater Gegenstand, „aber auch weil Kinder ein gutes Gespür für Ungerechtigkeit haben, das wir stärken möchten.“ Die Grundschule sei dafür der beste Ort, so Blix, denn hier werden alle Kinder gemeinsam unterrichtet und damit die Grundlagen fürs spätere Zusammenleben gelegt.

„Vom Zuhören und Dazugehören“ soll die Kinder dort abholen, wo sie stehen. Begriffe wie Rassismus oder Diskriminierung fallen kaum. Dafür werden die Kinder an zwei Tagen jeweils zwei Schulstunden lang durch eine Kombination aus kurzen szenischen Aufführungen, interaktiven Spielen und Gesprächen über das Erlebte bzw. Gesehene an die Thematik herangeführt. Im Mittelpunkt der Spielszenen stehen zwei Jungen, Kadir und Benno, die aneinandergeraten, weil Kadir eine nicht-deutsche Zugehörigkeit unterstellt wird und Menschen nicht-deutscher Herkunft nichts in Deutschland verloren hätten. „Am ersten Tag beschäftigen wir uns aber nur ganz allgemein mit Diskriminierung und Mobbing“, sagt Pia Thattamannil.
Sie hat das Projekt zusammen mit Inga und Stefan Blix sowie Alex Thattamannil-Klug mit Hilfe von misch mit! entwickelt und übernimmt neben Inga Blix regelmäßig eine der beiden Spielrollen, seitdem das inzwischen hessenweite Projekt im Jahr 2017 an drei Schulen startete. „Das Thema Rassismus bringen wir erst am zweiten Tag direkt ins Spiel, auch wenn es implizit natürlich immer präsent ist.“

Zunächst geht es aber darum, den Grundschüler*innen einen gefühlsmäßigen Zugang zum Thema zu ebnen, indem die Schauspieler*innen mit ihnen über Weh-tu- und Wohlfühl-Wörter sprechen und Kennenlern-Spiele machen. Außerdem versuchen sie, das mit Diskriminierung einhergehende Verletzt-Sein spürbar zu machen, das sich einstellt, wenn man nicht in seiner Individualität gesehen wird. „Das Gefühl von Verletzt-Sein kennt jede*r. Das ist ein guter Anfang, um über schwere Themen wie Diskriminierung und Rassismus ins Gespräch zu kommen und sich in die Verletzung von anderen Menschen hineinzudenken“, sagt Pia Thattamannil.

„Der erste Tag endet mit einer offenen Szene, die zum Thema Rassismus überleitet“, berichtet Stefan Blix. Kadir spricht in seiner neuen Schule eine Gruppe Jungen an, weil er mitspielen will. Darauf bekommt er von Benno zu hören, dass alle, die so aussehen wie er, sowieso nicht mitspielen dürften. Erst am zweiten Tag wird die Szene zu Ende gespielt. Benno beleidigt Kadir dann auch noch, indem er ihn einen Islamisten nennt, „der ja eh alles in die Luft sprengt.“ In den weiteren Spielszenen wird deutlich, dass Bennos Ablehnung Kadir gegenüber von seinen Freunden geteilt und durch die schweigende Mehrheit der Mitschüler*innen getragen wird.

„Im Dialog mit den Kindern stellen wir dann erstmal klar, dass Islamist*innen radikal sind und manchmal als Terrorist*innen auftreten, während Muslime friedliche Menschen sind, deren Religion Islam heißt“, sagt Stefan Blix. Außerdem kommen die Teamer*innen darauf zu sprechen, warum die schweigende Mehrheit nicht einschreitet, obwohl sie wahrnimmt, dass Bennos Verhalten falsch ist. „Das ist überhaupt der zentrale Punkt in unserem Projekt“, so Blix, „wir sprechen darüber, was die Mitschüler*innen tun könnten, um die Situation für Kadir, der immer wieder Ziel von Angriffen wird, zu verbessern.“

Schließlich führen die Schauspieler*innen eine der Mobbingszenen wiederholt auf, um den Schüler*innen die Möglichkeit zu geben, aus ihrer Rolle als schweigende Zuschauer*innen auszubrechen, einzugreifen und verschiedene Wege zu erproben, um Kadir zu unterstützen: Sie können Benno zur Rede stellen, sie können ihn links liegen lassen, sie können ihre Lehrer*innen zu Hilfe holen. „Wir sprechen auch an, dass es wichtig ist, sich nicht in Gefahr zu bringen, in der Auseinandersetzung mit älteren Schüler*innen etwa“, sagt Pia Thattamannil, „und wir betonen, dass man auch dann noch aktiv werden kann, wenn man in der brenzligen Situation selber nicht den Mut hatte, die Angreifer*innen zur Rede zu stellen.“

Ein echtes Happy End gibt es dann aber trotzdem nicht: Benno und Kadir werden nämlich keine Freunde. Das wäre unrealistisch. Zum Schluss wird gezeigt, dass Bennos Rückhalt unter den Mitschüler*innen nach und nach schwindet, weil sich immer mehr Mitschüler*innen einmischen und Kadir zur Seite stehen. „Darum geht es uns“, sagt Thattamannil, „wir wollen zeigen, dass alle, auch die vermeintlich Unbeteiligten, Verantwortung tragen und in der Lage sind schwierige Situationen zu beeinflussen“. (ybo)